Was für ein Tag!
Am Morgen beginnt er allerdings mit Warten. Die Regenstörung hat fast vier Stunden Verspätung. Als wir um 07.00 Uhr beim Zmorge sitzen, regnet es, der Wind bläst stark und bei etwa 6 Grad ist es kalt. Wolken wallen um die Hütte, die Sicht ist schlecht. Laut Wetterbericht sollte es ab 10.00 Uhr besser werden.
So kommt es. Der Regen hört auf, die Sicht wird besser und die karge Gegend mit Wind und vorbeiziehenden Wolkenfetzen entfaltet Traumpotenzial. Wir brechen zu unserer, dem Wetter angepassten, Tagesrunde Richtung Kistenpass auf. Die Gegend ist menschenleer. Hinter jedem Wolkenfetzen, jeder Geländekante könnte etwas auftauchen. Noch rechnen wir nicht ernsthaft mit Steinböcken, aber die Erwartung ist da.
Weit kommen wir nicht. Plötzlich sehe ich sie. Zehn Stück, ziemlich nah: vier alte und sechs jüngere Tiere. Sie grasen friedlich und bewegen sich auf uns zu. Schliesslich sind wir nur noch etwa 30 Meter voneinander entfernt. Seelenruhig ziehen die Tiere an uns vorbei. Wir sind baff und geniessen dieses seltene Schauspiel.
Über den immer wieder von Wolken verhüllten Kistenpass gehen wir zur Kistenpasshütte. Dort gibt es eine warme Suppe, Tee und ein schönes Gespräch mit der Hüttenwartin. Als wir um die Mittagszeit wieder aufbrechen, drückt die Sonne durch.
Zurück am Kistenpass nehmen wir den Weg hinunter in den Kessel «Cavorgia da Breil». Kurz nach 14.00 Uhr machen wir Mittagsrast. Kaum sitzen wir, traue ich meinen Augen nicht: Etwa fünfzehn Steinböcke beobachten uns. Noch ein Rudel, wieder nur männliche Tiere. Rund 100 Meter entfernt liegen sie verstreut auf einem kleinen Hügelzug. Als wir weitergehen und ihnen näher kommen, interessiert sie das kaum.
Die zweite Begegnung wirkt fast unwirklich. Am Morgen waren die Tiere plötzlich aus dem wechselnden Wetter aufgetaucht, nun liegen sie in der aufgehellten Landschaft und lassen sich von uns kaum stören. Nochmals eine Begegnung mit Steinböcken, wie wir sie wohl noch nie erlebt haben. Rund 25 Tiere sehen wir an diesem Tag in diesem kleinen Gebiet.
Den Rest des Nachmittags steigen wir auf dem gestrigen Aufstiegsweg ab. Wolken wallen, dazwischen bricht die Sonne durch – die Szenerie ist einmalig. Immer wieder wandert unser Blick über die Hänge.
Auf der Alp Quader kommt kurz Hektik auf. Es ist bereits 16.25 Uhr, die Sesselbahn fährt nur bis 17.00 Uhr und der Wegweiser gibt 35 Minuten bis zur Bahn an. Wir geben Gas und schaffen es in 20 Minuten. Das reicht locker. Zum Glück. Der Wetterwechsel hat uns einen grossartigen Tag geschenkt, aber nun sorgt der Fahrplan für den letzten Spannungsmoment.
In Brigels haben wir ein Zimmer im Gasthaus Surselva gebucht: einfach, hübsch und passend. Zum Nachtessen gehen wir ins Alpina, wo es vorzüglich mundet.
Morgen, am Mittwoch, folgt das, was wir in den vergangenen zwei Tagen zusammengestellt haben: eine lange Runde, die uns nochmals hinauf ins Bifertengebiet führt. Es ist dort so schön und vielseitig, dass wir mehr sehen möchten. Werden wir die Steinböcke erneut treffen? Wir sind gespannt.
Das Bilderbuch des Tages.
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